Immer wieder wird behauptet, die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands seien auf zu hohe Löhne und zu kurze Arbeitszeiten zurückzuführen. Arbeitgeberverbände und Teile der Politik fordern deshalb längere Arbeitszeiten und Lohndisziplin. Ein aktuelles Faktenblatt der IG Metall zeigt jedoch: Diese Debatte geht an den tatsächlichen Ursachen der wirtschaftlichen Herausforderungen vorbei.
Industriearbeit ist produktiv und deshalb gut bezahlt
Die Beschäftigten in der Industrie erwirtschaften hohe Werte und tragen maßgeblich zum Wohlstand in Deutschland bei. Entsprechend liegen die Entgelte im verarbeitenden Gewerbe über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Im Jahr 2025 betrug der durchschnittliche Bruttostundenverdienst inklusive Sonderzahlungen rund 35 Euro, gegenüber etwa 32 Euro im Durchschnitt aller Branchen. Gleichzeitig liegt die Wertschöpfung pro Beschäftigtem im produzierenden Gewerbe mit rund 95.000 Euro deutlich über dem Niveau des Dienstleistungssektors.
Hohe Löhne sind deshalb nicht Ausdruck mangelnder Wettbewerbsfähigkeit, sondern das Ergebnis hoher Produktivität und hoher Qualifikation der Beschäftigten.
Kürzere Arbeitszeiten bedeuten nicht weniger Arbeit
Häufig wird auch behauptet, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Tatsächlich liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der Industrie etwas unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Während Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe im Durchschnitt gut 38 Stunden pro Woche arbeiten, sind es in tarifgebundenen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie durchschnittlich 36 Stunden.
Gleichzeitig steigt das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland seit vielen Jahren an. Der Grund dafür ist die deutlich gestiegene Erwerbsbeteiligung, insbesondere von Frauen. Obwohl die durchschnittliche Arbeitszeit pro Person gesunken ist, leisten insgesamt mehr Menschen Erwerbsarbeit als früher. Das führt dazu, dass das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen seit Mitte der 2000er Jahre wächst.
Das eigentliche Problem liegt woanders
Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft sind nicht allein Löhne oder Arbeitszeiten, sondern die sogenannten Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität. Hier liegt Deutschland seit Jahren im europäischen Mittelfeld und auf einem vergleichbaren Niveau mit Ländern wie Frankreich oder Großbritannien. Daran haben auch die Krisen der vergangenen Jahre wenig geändert.
Eine wesentlich größere Herausforderung ergibt sich aus den Veränderungen auf den internationalen Märkten. Insbesondere die chinesische Industriepolitik hat die Wettbewerbsbedingungen erheblich verändert. Durch umfangreiche staatliche Subventionen und Währungseffekte sind deutsche Industrieprodukte gegenüber chinesischen Produkten seit 2020 deutlich teurer geworden.
Zukunft durch Innovation statt Lohndruck
Deutschland wird seine industrielle Stärke nicht durch niedrigere Löhne oder längere Arbeitszeiten sichern können. Als Hochlohnland kann die deutsche Industrie nur erfolgreich sein, wenn sie technologisch führende Produkte entwickelt und hochwertige Wertschöpfung schafft. Genau hier sieht die IG Metall Handlungsbedarf.
Notwendig sind mehr Investitionen in Zukunftstechnologien, moderne Produktionsanlagen und die Qualifizierung der Beschäftigten. Ebenso braucht es eine aktive Industrie- und Handelspolitik, die faire Wettbewerbsbedingungen schafft und europäische Unternehmen vor Wettbewerbsverzerrungen schützt.
Gute Arbeit bleibt Teil der Lösung
Die Beschäftigten sind nicht Ursache der wirtschaftlichen Probleme. Im Gegenteil: Ihre hohe Qualifikation, ihre Produktivität und ihre Innovationsfähigkeit sind ein entscheidender Standortvorteil. Wer die Zukunft des Industriestandorts Deutschland sichern will, muss deshalb auf Investitionen, Innovationen und gute Arbeit setzen – statt alte Debatten über angeblich zu hohe Löhne oder zu kurze Arbeitszeiten zu führen.