Industriegipfel Zukunft der Industrie entscheidet sich jetzt

Industriegipfel in Düsseldorf fordert Investitionen, Planungssicherheit, Wertschätzung für Beschäftigte und eine aktive Industriepolitik. Resolution von Betriebsräten und Vertrauensleuten aus 30 Unternehmen an Wirtschaftsministerin Mona Neubaur übergeben.

Industriegipfel Titel

Deutlicher Appell für eine aktive Industriepolitik

Mit einem deutlichen Appell für eine aktive Industriepolitik ist am Freitag der gemeinsame Industriegipfel von IG Metall Düsseldorf-Neuss, DGB-Region Düsseldorf-Bergisch Land und dem DGB Bildungswerk NRW zu Ende gegangen. 

Betriebsräte, Vertrauensleute, Gewerkschaften, Unternehmen, Wissenschaft und Politik diskutierten über die Zukunft von Industrie, Beschäftigung und Wertschöpfung in der Region Düsseldorf, Ratingen und Rhein-Kreis Neuss. Neben zahlreichen Betriebsräten und Vertrauensleuten nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Landesministerien, der Industrie- und Handelskammer, der Unternehmerschaft, der Agentur für Arbeit sowie weiterer Institutionen und Organisationen teil. Die breite Zusammensetzung des Publikums machte deutlich, dass die Zukunft der Industrie weit über die Werkstore hinaus von Bedeutung ist.


Industriegipfel Sigrid Wolf

Die Begrüßung übernahmen die Initiatorinnen Sigrid Wolf, Regionalgeschäftsführerin DGB Düsseldorf-Bergisch Land, und Dinah Trompeter, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Düsseldorf-Neuss.

„Die Industrie in NRW steht unter erheblichem Druck: internationale Konkurrenz, hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten, Digitalisierung und Dekarbonisierung. In einer Welt, in der wirtschaftliche Großmächte ihre Märkte strategisch abschirmen und Sozial- wie Umweltdumping betreiben, muss entschlossen gehandelt werden. Aktuell sind viele Arbeitsplätze in der Industrie gefährdet – im Energiesektor, in der Stahl- und Automobilindustrie, ebenso in der chemischen Industrie. Diese Arbeitsplätze zu sichern, ist entscheidend für den sozialen Zusammenhalt – und für die wirtschaftliche Basis im ganzen Land. Deshalb ist jetzt ist entschlossenes Handeln gefragt! Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die Innovationen fördert, investiert und Veränderungen strategisch begleitet,“ so Sigrid Wolf, DGB Regionsgeschäftsführerin Düsseldorf Bergisch Land.

In ihrer Eröffnung machte Dinah Trompeter deutlich, dass die Region trotz ihrer Stärke vor erheblichen Herausforderungen stehe.

„Düsseldorf-Neuss ist weiterhin der zweitgrößte Industriestandort Nordrhein-Westfalens. Industriepolitik war nie die Kernaufgabe der IG Metall. Unsere Instrumente waren und sind Betriebs- und Tarifpolitik. Aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir mit diesen Instrumenten allein nicht mehr weiterkommen. Wenn industrielle Wertschöpfung verloren geht, geraten auch Beschäftigung, Ausbildung, Mitbestimmung und soziale Sicherheit unter Druck.“


Industriegipfel Trompeter

Keynote Christiane Benner

Die Keynote hielt Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall. Sie kam direkt vom Automobilaktionstag vor dem Mercedes-Benz-Sprinter-Werk in Düsseldorf und berichtete von den aktuellen Herausforderungen in der Automobil- und Zulieferindustrie. Benner machte deutlich, dass die Industrie zunehmend unter Druck durch die internationale Wettbewerbssituation gerät. Die Zollpolitik der USA sowie die umfassenden industriepolitischen Förderprogramme und Subventionen Chinas verschärften die Lage vieler europäischer Unternehmen. Europa müsse darauf mit einer eigenen strategischen Industriepolitik reagieren.

„Der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liegt in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte. Auch von der Politik fordern wir ein klares Signal: Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die Transformation absichert – mit Investitionen, klaren Standortzusagen und guten Jobs. Renditeinteressen dürfen nicht über die Zukunftsfähigkeit ganzer Standorte gestellt werden,“ so Benner.

Zugleich sprach sich Benner dafür aus, industrielle Wertschöpfung stärker in Europa zu halten. Dazu gehöre auch eine stärkere Diskussion über Local-Content-Regelungen, um Investitionen, Produktion, Innovation und gute Arbeitsplätze in Europa zu sichern.

Weitere Impulse lieferten Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, sowie Thorben Albrecht, Vorsitzender des DGB NRW.

Resolution an Ministerin Neubaur überreicht.

Im Rahmen des Industriegipfels überreichte Dinah Trompeter der Ministerin die Resolution der IG Metall Düsseldorf-Neuss und der DGB Region Düsseldorf-Bergisch Land. 

Das Papier war bereits am 24. Juni 2026 von der Delegiertenversammlung der IG Metall Düsseldorf-Neuss beschlossen worden und wird von Betriebsräten und Vertrauensleuten aus rund 30 Unternehmen der Region Düsseldorf, Ratingen und Rhein-Kreis Neuss getragen.

Weitere Schwerpunkte

Ein Schwerpunkt des Industriegipfels lag auf den Auswirkungen von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Energiepolitik auf die industrielle Entwicklung. Niklas Hoves von der TBS NRW beleuchtete die Anforderungen an Qualifizierung und Mitbestimmung beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Felix Fleckenstein, Energiepolitikexperte des DGB in Berlin, ordnete die energiepolitischen Herausforderungen für den Industriestandort Deutschland ein.

Mit großer Aufmerksamkeit wurde der Beitrag von Volker Backs, Geschäftsführer der Speira GmbH, verfolgt. Er schilderte die Herausforderungen der Aluminiumindustrie und machte deutlich, dass eine funktionierende Kreislaufwirtschaft nur dann gelingen könne, wenn strategisch wichtige Rohstoffe wie Aluminiumschrotte in Europa verbleiben und hier weiterverarbeitet werden.

Backs kritisierte zudem, dass der europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM die aktuellen Probleme der Branche bislang nicht ausreichend löse. Gleichzeitig würdigte er das Engagement der Gewerkschaften für den Industriestandort Deutschland und forderte einen noch stärkeren industriepolitischen Einsatz auf europäischer Ebene.


Im praxisorientierten Teil der Veranstaltung moderierte Jessica Worrings eine Talkrunde mit Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW, Heinz Höhner, Betriebsratsvorsitzender der Speira GmbH, <br/>Marco Kunkel, Betriebsratsvorsitzender bei Pierburg, sowie Özlem Yarar, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Düsseldorf.

Talkrunde aus der Praxis der Mitbestimmung

Im praxisorientierten Teil der Veranstaltung moderierte Jessica Worrings eine Talkrunde mit Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW, Heinz Höhner, Betriebsratsvorsitzender der Speira GmbH, Marco Kunkel, Betriebsratsvorsitzender bei Pierburg, sowie Özlem Yarar, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Düsseldorf.

Die Diskussion machte deutlich, dass Nordrhein-Westfalen über erhebliche Innovationspotenziale verfügt, viele Entwicklungen jedoch nicht den Weg in die industrielle Serienfertigung finden. Als Ursachen wurden fehlende Finanzierungsmöglichkeiten, mangelnde Investitionssicherheit und unzureichend entwickelte Märkte benannt.

Kritisch diskutiert wurden dabei auch wechselnde politische Rahmenbedingungen, etwa bei der Elektromobilität. Solche Zickzack-Kurse erschwerten langfristige Investitionsentscheidungen und verzögerten den Aufbau neuer Märkte.

Darüber hinaus wurden Beispiele für Betriebs- und Prozessvereinbarungen vorgestellt, die Beschäftigten bei Eigentümerwechseln und Transformationsprozessen Sicherheit geben. Auch die Fachkräftesicherung spielte eine zentrale Rolle. Dabei wurde deutlich, dass Industrie und Handwerk gleichermaßen auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen sind, um die Transformation erfolgreich gestalten zu können.

Ein gemeinsames Fazit der Runde lautete: Mitbestimmung ist kein Hemmnis, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Zum Abschluss griff Dinah Trompeter die zentralen Inhalte der Resolution noch einmal auf. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach mehr Wertschätzung für die Beschäftigten.

Die Resolution wendet sich ausdrücklich gegen politische Debatten, in denen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer pauschal für wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht werden. Die Beschäftigten seien nicht das Problem der Transformation, sondern ihre wichtigste Voraussetzung.

Darüber hinaus fordert die Resolution Investitionen in Infrastruktur, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, eine bezahlbare und verlässliche Energieversorgung, den Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffwirtschaft, die Förderung von Innovationen, die Sicherung von Industrieflächen sowie eine europäische Rohstoffstrategie.

„Die Beschäftigten sind nicht das Problem der Transformation, sondern ihr entscheidender Erfolgsfaktor“, erklärte Dinah Trompeter.

Der Industriegipfel setzte damit ein klares Signal für eine aktive Industriepolitik in Nordrhein-Westfalen. Einigkeit bestand darüber, dass die industrielle Transformation nur gelingen kann, wenn Beschäftigte, Unternehmen, Sozialpartner und Politik gemeinsam Verantwortung übernehmen – für gute Arbeit, starke Standorte und eine zukunftsfähige Industrie.



Resolution