Das letzte Mal

121 Jahre Industriegeschichte in Reisholz gehen zu Ende

Der Stahlarbeiter an sich, ist eher für seine direkte Art bekannt und neigt selten dazu emotional zu werden. In Reisholz war das am vergangenen Freitag anders. In der Halle an der Henkelstrasse wird nach 121 Jahren das letzte Rohr gepresst und dieses letzte Mal treibt allen Anwesenden Tränen in die Augen. „Wir wussten, dass dieser Moment kommt. Aber das hier schmerzt wirklich sehr, obwohl man es so oft gesehen hat. Für uns war das nicht nur ein Job, das hier ist Familie“, sagt Abdullah Yilmaz – Betriebsrat im Werk Reisholz.

Der Aufsichtsrat hatte im Februar, gegen die Stimmen der Arbeitnehmerbank, die Werkschließung zu Mitte dieses Jahres beschlossen. 300 Mitarbeiter waren zuletzt in Reisholz beschäftigt. Die Hälfte der Mitarbeiter hat bereits Aufhebungsverträge unterschrieben und für 70 weitere sind Altersübergangsregelungen gefunden worden. „Das ist mehr als wir erwartet haben“, erzählt Ayhan Üstün – Betriebsratsvorsitzender. „Der sehr gute Sozialplan, aber auch das verlorengegangene Vertrauen ins Unternehmen, machen vielen Beschäftigten den Weggang leichter“, so Üstün weiter. Die verbleibenden Mitarbeiter*innen werden in Rath oder Mülheim unterkommen.

In Reisholz aber ist jetzt Schluss. Das Werksgelände soll schnell verkauft werden und im Juli gehen die letzten Rohre endgültig vom Hof. Zuvor wird das letzte Rohr noch in Form gebracht. Unter den Klängen von Andrea Bocellis „Time to Say Goodbye“ verrichtet die Ziehpresse ihre Arbeit. Es ist wie immer, aber es ist tatsächlich das allerletzte Mal. Die Arbeiter nehmen zum Abschied ihre Helme ab und verneigen sich für das letzte Rohr und für 121 Jahre Industriegeschichte.